Das Web wird lokaler — auch in Zürich

Obwohl das Web gefühlt mehr als eine Trilliarde ‘Internet-Adressen’ umfasst, verbringen viele Menschen täglich viele Stunden auf ein paar wenigen Apps. Grosskonzerne — mehrheitlich aus den USA — haben das Internet kommerziell kolonialisiert. Und die Anbietenden dieser Plattformen setzen alles daran, dass dies so bleibt. Aber auch Google zeigt inzwischen in den Suchresultaten so viel Content an, dass immer weniger Menschen die Links zu den eigentlichen Inhalten anklicken.

Deshalb waren wir uns bei der Eingangs verlinkten Veranstaltung schnell einig, dass die kommerziellen Grossplattformen vor allem (viel) transparenter und auch anderweitig reguliert werden sollten.

Im Gegensatz zu meinen Gesprächspartnenden beurteile ich jedoch die Abhängigkeit von den Plattformen nicht gleich fatalistisch und plädiere dafür, alternative Ansätze zu suchen, allenfalls bestehende zu unterstützen und/oder gänzlich neue zu initiieren.

Bis vor wenigen Jahren hätte auch ich wohl nur müde abgewunken, wenn jemand gesagt hätte, dass es zu den grossen Plattformen alternative Angebote geben sollte. Zu gross nahm ich deren Sog (und Nutzen) war, als dass sich jemand davon abwenden würde.

In Tech- und Marketing-Trend-Reports wird jedoch immer öfters das Lokale und/oder die Themen-Nische als Mega-Trend skizziert. Und prompt beobachte ich bei mir und auch in meinem Umfeld, dass sich die Nutzung dahingehend verändert.

Zum Einen ist diese Entwicklung der Sensibilisierung für unter anderem ‘Fairness’ oder ‘Nachbarschaft’ geschuldet, zum Anderen dem Rückzug aus den offenen und dadurch oft auch konfrontativen Plattformen, hin zu kleineren und — thematisch und technisch — ‘abgeschotteten’ Gruppen.

In Zürich möchte ich diesen Trend an zwei Beispielen festmachen:

1. Critical Mass

Die Critical Mass zählt aktuell zu den grössten und aktivsten (Jugend-)Bewegungen der Stadt Zürich. Die Fan-Accounts auf Facebook, Instagram und Twitter dienen ihr quasi nur als ‘Schaufenster’. Der eigentliche ‘Kommunikationskern’ bilden — neben Treffen im RL — die Telegram-Channels. Sie sind für die informelle Selbstorganisation zentral. Und darum herum hat sich ein ganzer Chat-Kosmos zu Velo-Aktivismus in der Stadt Zürich gebildet. Je länger sich Menschen in solch — thematisch und reichweitenmässig — ‘komprimierten’ Channels aufhalten, umso weniger Zeit verbringen sie auf den Grossplattformen. Des Weiteren spielen hier die Algorithmen eine geringe Rolle (was jedoch nicht heisst, dass es deswegen unproblematischer ist. Wie bei Treffen im RL, besteht auch in solchen Gruppen-Chats die Gefahr, dass sich die Einen nicht zu Äussern getrauen und andere viel Raum einnehmen).

Andere lokale Bewegungen — wie zum Beispiel das feministische Streikkollektiv oder der Klimastreik — sind zwar auf Instagram aktiver, aber auch sie tauschen sich auf Telegram aus.

2. Will öpper …

Die Herauslösung von ‘Will öpper’ aus Facebook markiert in dieser Entwicklung für Zürcher Verhältnisse einen Meilenstein. Die Initiantin der sehr erfolgreichen Facebook-Gruppe ‘Will öpper’ — in der Menschen aus Zürich anderen Menschen aus Zürich gratis Dinge verschenken, die sie nicht mehr brauchen — lanciert aktuell via wemakeit.com dasselbe Angebot in einer separaten App. Das Crowdfunding (mit Stretch Goals) hat bereits die erste Hürde genommen und steuert nun die Finanzierung des ersten Produktions-Sprints an.

Es zeichnet sich also ab, dass lokal und/oder zu bestimmten Themen mehr und mehr Netzwerke fern der Grossplattformen entstehen werden. Gerade mit dem Fokus auf Selbstermächtigung oder die demokratierelevanten Debatten stellt sich hier die Frage, welche Rollen institutionelle Organisationen übernehmen sollten.

Wäre es beispielsweise nicht naheliegend, dass die Stadt Zürich die App ‘Will öpper’ massgeblich unterstützt? Sie könnte dadurch zum Einen mithelfen, lokale Angebote und Initiativen aus den grossen Plattformen herauszulösen und lokaler zu verankern. Zum Anderen könnte sie dadurch den informellen Austausch von Möbeln, Pflanzen, Kleidern, etc. fördern, ohne dass diese im Müll landen.

Und was wäre eine mögliche Alternative zu den demokratierelevanten Debatten, die aktuell grösstenteils auf Plattformen ‘ausgelagert’ werden, die einzig dem Trigger der Kommerzialisierung dienen? Wäre das nicht ein Anliegen, das den Service Public beschäftigen sollte?

Oder:

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teilzeit community developer @swissinfo.ch, teilzeit beratung, ehem. SM editor/curator @watson.ch, NachtStadtrat Zürich, ex-direktor cabaret voltaire

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philipp meier

philipp meier

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